Rethinking Law
Stand: Mai 2019

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REL vom 13.05.2019, Heft 03, Seite 4 - 7, REL1304517
Rethinking Law > Legal Tech & Innovation > Interview

Das Recht sichtbar machen: VIZ.LAW

Florian Glatz im Interview mit dem Gewinnerteam des Berlin Legal Tech Hackathons 2019: VIZ.LAW (Henning Böttcher, Marcel Fischer, Andreas Grau, Charlotte Germershausen, Jakub Szypulka, Lisa Käde, Pierre-Falk Matthäs, Sebastian Reiling, Israel Pohl).

FG – Florian Glatz

HB – Henning Böttcher

MF – Marcel Fischer

AG – Andreas Grau

CG – Charlotte Germershausen

JS – Jakub Szypulka (via Skype)

FG: Was ist VIZ.LAW?

HB: Im Kern geht es darum, Recht visuell darzustellen – Stichwort „sichtbares Recht“. Wir wollen mit Hilfe von visuellen Techniken Recht und Zusammenhänge im Recht einfacher verständlich machen.

MF: Und wir wollen dazu anregen, ausgetretene Pfade zu verlassen, aufzumachen und nicht in einem Korsettdenken zu verharren. Also eben nicht wie üblich anhand bereits bestehender Listen und Strukturen vorzugehen, sondern sich davon einfach mal zu lösen und darüber nachzudenken, wie man es denn anders machen könnte.

CG: Zunächst konzentrieren wir uns auf Urteile. Wir visualisieren Gerichtsurteile und stellen die Zusammenhänge zwischen ihnen dar. Um auf den ersten Blick erfassen zu können, wann eine Entscheidung gefallen ist und auch wie relevant die unterschiedlichen Urteile sind. Man gibt einen Suchbefehl ein und hat sofort eine Visualisierung vor sich anstelle einer Liste wie bei Beck oder juris.

JS: VIZ.LAW ist ein Browser für juristische Dokumente, denn man „surft“ in einem Netzwerk juristischer Dokumente.

HB: Ich würde hier gerne einhaken. Bei Browser denkt man zuerst an den Internetexplorer, der für unsere Verhältnisse „old school“ ist. VIZ.LAW ist eher mit einer Landkarte zu vergleichen, die mir einen Überblick über alles verschafft.

FG: Welches Problem löst ihr damit?

AG: Das Standardproblem bei Juristen ist, dass sie sich durch einen riesigen Informationswust einen Weg bahnen müssen. Dabei stellt sich für sie stets die Frage: Wie weit muss ich mich mit einem Text befassen, damit ich eine informierte Entscheidung treffen kann? Diese Herausforderung wollen wir vereinfachen und intuitiver gestalten.

CG: Wir wollen auch einen anderen Zugang zum Recht schaffen. Dass Suchen Spaß macht. Und unser Tool ist ebenso für Nicht-Juristen geeignet, um ihnen einen einfacheren Zugang zu Recht zu ermöglichen.

HB: Wenn ich zum Beispiel ein Betroffener im Dieselskandal bin, dann will ich wissen, welche Gerichte dazu bereits etwas entschieden haben. Bei der Google-Suche erhalte ich Tausende Suchergebnisse. Mit VIZ.LAW sehe ich direkt auf Anhieb: Hier ist eine Entscheidung, die relativ neu ist und die wiederum mit einer Entscheidung zusammenhängt, die vielleicht schon fünf Jahre zurückliegt. Ich sehe alles so, wie ich mir auch einen Atlas anschaue, um zu sehen, wo denn Australien liegt und wie weit Japan davon entfernt ist. VIZ.LAW ist explorativ: Ich kann damit Dinge entdecken. Bisher suche ich nach etwas Bestimmtem und weiß bereits im Voraus, worauf ich hinaus will. Ich habe zum Beispiel ein Aktenzeichen oder ein bestimmtes Stichwort und will in der Regel dazu eine Entscheidung finden. Unser Ansatz hilft dabei, dann auch jene Aspekte und Entscheidungen zu finden, die damit zusammenhängen, die man aber zuvor gar nicht auf dem Schirm hatte. Und die man mit der Stichwortsuche auch nicht finden würde.

MF: Und was ebenfalls noch wichtig ist: Man sieht schnell, worauf man den Fokus bei einer Suche legen sollte. Wir ermitteln, welche Urteile am REL 03/2019 S. 5häufigsten zitiert werden. Es ist zu vermuten, dass dann auch dort eine Grundsatzentscheidung getroffen worden ist, auf die man sich beziehen kann. Man hat schneller das gefunden, was man wirklich braucht.

FG: Hat einer von euch das Tool schon mal selbst für den Produktiveinsatz benutzt?

HB: Ja, natürlich habe ich es selbst schon für Recherchen verwendet. Man stößt auf diese Weise auch auf Verbesserungsmöglichkeiten des Tools. Ich finde, es lässt sich sehr gut verwenden. Um Entscheidungen zu finden, Zusammenhänge zwischen Entscheidungen zu erkennen und auch um zu schauen, ob es vielleicht bei einer Entscheidung, die mittlerweile schon fünf Jahre her ist, eine Verbindung zu einer neuen Entscheidung gibt, die dieser widerspricht.

FG: Seht ihr Anwendungsfelder für diese Visualisierungstechnik außerhalb von Gerichtsentscheidungen?

JS: Wir haben mit einem börsennotierten Unternehmen gesprochen, das an unserem Konzept Interesse gezeigt hat. Da geht es um interne Dokumente, die auch Urteile sein können, aber eben auch Schriftsätze. An sich wäre es das gleiche Konzept wie bei den Urteilen, das wir dort anwenden würden. Wir haben Dokumente, also Punkte im Netzwerk, die miteinander verknüpft sind. Welche Verknüpfungen relevant sind, hängt vom Endnutzer ab. Aber wenn ein Kunde beispielsweise sagt, für uns ist relevant, wer an einem Dokument alles gearbeitet hat, dann können die Verlinkungen die jeweiligen Bearbeiter des Dokuments sein. Unser Visualisierungskonzept bleibt das gleiche.

AG: Damit fügen wir uns in die API-Economy ein. Wir haben auch eine Kooperation mit OpenLegalData, die wir als Datengrundlage benutzen.

FG: Wie war das auf dem Hackathon? Wie kam das Team dort zustande?

HB: Ich kam schon mit dem Gedanken an das Projekt zum Hackathon. Ich hatte die Moderation der Brainstorming-Station „Navigating Legal Complexity“ angeleitet. Und dann habe ich mir dort einen Ruck gegeben und das Projekt beim Pitch vorgestellt. Dies hat dann auch Anklang gefunden und nach und nach haben wir uns zu neunt zusammengefunden.

MF: Wir waren erst eine sehr kleine Gruppe und hatten noch gar keine Vorstellung, wo wir überhaupt hinwollen. Wir hatten dabei zum Teil unterschiedliche Ansätze, die wir im Laufe der Zeit wieder verworfen haben. Wichtig war: Wir waren sehr offen, keiner hat an seinen Ideen festgehalten oder wollte seinen Willen durchsetzen und so hat es gut harmoniert und wir haben etwas gut Funktionierendes hinbekommen. Jeder hat sich seinen Bereich gesucht, in dem er sich gut aufgehoben fühlt.

FG: Welche Disziplinen sind im Team vertreten?

MF: Wir sind vier Entwickler und fünf Juristen. Davon machen drei im Wesentlichen Backend und Jakub und Israel machen Frontend. Pierre hat sich im Wesentlichen um Infrastruktur gekümmert. Wir hatten verschiedene Technologien miteinander verknüpft, bei denen ich eigentlich nicht auf den Gedanken gekommen wäre, die zusammenzuschmeißen. Und dann gab es den juristischen Teil. Die Juristen haben recherchiert und designed, wie man Recht visuell darstellen könnte.

FG: Für Dich war es der erste Hackathon, Charlotte. Erzähl mal von Deiner Erfahrung als Juristin im Team.

CG: Legal Tech-Themen interessieren mich sehr, aber ich bin ansonsten eher juristisch unterwegs. Ich bin komplett ohne Erwartung zum Hackathon gegangen und fand die Idee und den Ansatz super, den Henning vorgestellt hatte. Und war am Ende sehr überrascht davon, wie gut es funktioniert, wie gut alle zusammenarbeiten. Und da würde ich jetzt auch gar nicht nur von unserem Team sprechen, sondern von allen Teams. Wie cool die Leute dort zusammenfinden und dann konstant produktiv zusammenarbeiten und dabei gute Stimmung herrscht. Und am Ende gute Produkte dabei herauskommen.

FG: Hat diese Erfahrung des Hackthons dich dahingehend beeinflusst, wie du auf Deine Arbeit schaust und wie du in der Zukunft als Juristin arbeiten willst?

CG: Die Idee hatte ich vorher schon, eher in so einem Rahmen zu arbeiten. Und nicht klassisch in einer Kanzlei fünf Tage die Woche die ganze Zeit über am Schreibtisch sitzend und nur juristisch arbeitend. Sonst wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen, bei einem Hackathon mitzumachen. Aber dadurch, dass ich am Hackathon teilgenommen habe und die Sache dort so cool fand, war die Ansage meines neuen Arbeitgebers: Du machst ab sofort zwei Tage Start-ups und zwei Tage Kanzlei. Das finde ich perfekt. Denn so werde ich direkt auch in andere Themen mit eingebunden.

FG: Team VIZ.LAW hat auf dem Hackathon auch mit dem OpenLegalData Team koopiert. Wie kam das zustande?

HB: Das OpenLegalData-Team hatte sich das Ziel gesetzt, Gerichtsentscheidungen frei zugänglich zu machen für weitere Nutzung. Wir waren erster Use Case und ein Beispiel dafür, welchen Nutzen es haben kann, wenn man Gerichtsentscheidungen über Schnittstellen zur freien Verfügung stellt. Die Synergien zwischen unseren Teams waren sehr groß.

FG: Zum Rest des Teams. Was macht ihr wenn ihr nicht gerade Hackathons gewinnt?

CG: Ich habe gerade als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Anwaltskanzlei Schürmann Rosenthal Dreyer angefangen.

MF: Ich bin Software Entwickler. Schon eine ganze Weile. Ich berate Kanzleien bei Prozessautomatisierungen. Eigentlich alles, was man mit IT in einer Kanzlei machen kann. Das hat sich in den letzten zehn Jahren stark gewandelt von: Wie macht man kleine Helferlein? Bis hin zu: Wie gestaltet man ganze Prozesse? Wie kann man menschliche Ressourcen möglichst sinnvoll einsetzen? Das geht von der ReFa bis zum Partner – da ist alles dabei.

Ich fand es spannend, mal bei einem Hackathon mitzumachen. Wen man da so trifft und auch das Feedback, das ich mir bislang nur punktuell bei den Kunden abholen konnte, hier in einem offeneren Rahmen zu bekommen. Wenn man einen Kunden hat, dann hat man einen konkreten Bedarf, den man jetzt lösen möchte. Für viele meiner Ideen gibt es da oft keinen Raum. Es gibt Kanzleien, die sind sehr offen und zukunftsorientiert und andere, die sich vor der Veränderung eher verstecken. Und so dachte ich, der Hackathon sei ein geeignetes Forum, um diese Ideen zu testen. Das hat großen Spaß gemacht.

AG: Ich denke, dass sich da ganz viel bewegt in der juristischen Welt. Das beobachte ich sehr interessiert. Und schaue mir an, wer da interessante Mitspieler sind und wie die sich entwickeln. Man geht zu einem Hackathon und schaut, wer da am Start ist. Kommen da vielleicht auch Spieler hinzu, REL 03/2019 S. 7die man vielleicht so gar nicht erwartet hätte?

HB: Ich bin eher klassisch juristisch unterwegs. Nach dem zweiten Examen bin ich nochmal als wissenschaftlicher Mitarbeiter zurück zur Uni gegangen und promoviere derzeit.

FG: Mit der Erfahrung des Hackathons: Wollt ihr überhaupt noch klassisch juristisch arbeiten?

HB: Ich bin zwiegespalten. Einerseits finde ich klassische juristische Arbeit sehr schön, andererseits kann die Hintergrundarbeit auch sehr langweilig sein. Man fühlt sich als menschliche Suchmaschine am Computer, die Dinge macht, die der Computer vielleicht selbst viel einfacher machen könnte. Die ganze Hintergrundarbeit, die Recherche – sie ist interessant, aber wenn es letztlich nur noch darum geht, fünf weitere Urteile zu finden, die das gleiche gesagt haben, ist das nicht mehr wirklich wissenschaftlich intellektuell anspruchsvoll.

JS: Ich komme nächsten Monat aus China zurück und wollte dann mit dem zweiten Staatsexamen anfangen. In dem Zusammenhang frage ich mich schon, ob das heutzutage überhaupt noch Sinn macht, nochmal zwei Jahre zu investieren, um dann formell die Zulassung als Anwalt zu haben, wenn Computer immer mehr die klassische Arbeit eines Anwalts übernehmen. Ob es nicht sinnlos ist, in diese Richtung zu gehen, weil es eh ein in diesem Sinne aussterbendes Feld ist: Der echte Anwalt.

FG: Dennoch habt Ihr ein Tool gebaut, dass Juristen dazu befähigt, ihre Arbeit besser und produktiver zu machen. Ihr habt nicht versucht, sie aus dem Prozess herauszuschieben.

HB: Das ist sehr wichtig. Es ist eine Fehlannahme zu denken, dass man den Menschen aus diesem Prozess eliminieren kann. Damit verkennt man die gesellschaftliche Bedeutung des Rechts. Es müssen Menschen sein, die darüber entscheiden, an welche Regeln sich Menschen halten sollen. Das kann man nicht Maschinen überlassen. Deswegen ist es ganz wichtig, den Menschen zu befähigen, es ihm einfacher zu machen, mit der Komplexität des Rechts umzugehen.

FG: Was würdet ihr unseren Lesern als Tipp zum Thema Legal Tech mitgeben?

AG: Weniger reden, mehr machen. Einfach mal ein Projekt starten, mal zu einem Hackathon zu gehen, sich auf ein Meet-Up begeben.

MF: Meine Empfehlung wäre immer: Legal Tech gegenüber offen zu sein. Wirklich darüber nachzudenken: Was kann ich damit machen? Und weniger Angst davor zu haben, dass die Maschine mich ablöst. Diese Angst ist meines Erachtens völlig unbegründet. Legal Tech ist ein neues Geschäftsfeld. So findet etwa das Thema „Legal Fracking“ ganz viele Nischen, die spannend und neu sind. Das klassische Geschäft bleibt davon unberührt. Das sind zwei völlig unterschiedliche Themen. Legal Tech kann sowohl in der Masse als auch in der besseren Organisationssteuerung eingesetzt werden.

CG: Unser Tool zu testen. Denn es wird bald online gehen.

MF: Es ist heute schon online. Wenn wir es jemanden zeigen möchten, dann können wir das. Aber öffentlich machen wir es in Kürze. Wenn jemand es vorher schon benutzen möchte, dann bitte mit uns in Kontakt treten. Wir führen gerne durch das Programm.

FG: Ihr seid auf den Global Legal Hackathon nach New York eingeladen, um dort VIZ.LAW zu präsentieren. Was gibt es bis dahin noch zu tun und was erhofft ihr euch von der Reise?

JS: Ich hoffe, dass wir in New York erfolgreich sind. Unser Produkt sticht aus der Masse heraus. Unsere Mitbewerber gehen oft in die gleiche Richtung: Es sind vor allem Plattformen, um Verbraucher mit Anwälten zusammenzuführen. Wenn die Jury zwölf solcher Projekte hat und dann sieht, eins davon ist ein schönes visuelles Netzwerk von Entscheidungen, dann ist es leichter einer Jury zu verkaufen, als noch eine Plattform mit Verbraucherinformationen. Deswegen bin ich sehr optimistisch, was New York anbetrifft. Und wenn es in New York gut laufen sollte, dann bin auch optimistisch, was die Zeit nach New York anbetrifft.

MF: Zuallererst wollen wir mal alle ordentlich nach New York bekommen. Das allein ist schon eine Herausforderung bei neun Personen. Da laufen ziemlich hohe Kosten auf. Und am Produkt haben wir noch eine kleine ToDo-Liste, um den Workflow rund zu machen. Darauf legen wir jetzt eher den Fokus. Und auf ein paar Bugfixes, die noch anstehen, weil man natürlich bei so einem Pitch nicht auf irgendeinen Fehler stoßen möchte. Und natürlich außen herum: Dass man sich vernetzt, fragt, wer noch Interesse hätte, wen man noch ins Boot holen könnte. Auch um noch ein bisschen Feedback einzuholen. Was sind denn die Erwartungen vom Markt, vom potenziellen Kunden?

FG: Das REthinking: Law-Team wünscht euch viel Glück in New York!

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